Artikel Weser Kurier

Blumen-Fachgeschäfte in Bremen

Harter Wettbewerb statt rosiger Zeiten      Tobias Meyer 04.12.2015

Rosen, Amaryllis, Hortensien, Lilien – fast sein ganzes Leben schon umgibt sich Hinrich Schor mit schönen Blumen. Dieser Duft! Diese Farben! Dieses Knistern beim Zusammenbinden des Grüns! Seit 1967 ist das Schors Alltag, zunächst als Azubi, mittlerweile als Floristmeister bei Blumen Schor im Hauptbahnhof. „Ist ’n schöner Beruf“, sagt er. Aber auch einer, der es ihm nicht immer einfach macht. Vor allem jetzt, in dieser Zeit.

Ein Handwerk, das immer seltener in Anspruch genommen wird:

Die gelernte Floristin Milena Röben bindet Sträuße nach Wunsch bei Blumen-Schor im Hauptbahnhof.

Mehr als drei Milliarden Euro werden laut dem IFH Institut für Handelsforschung jährlich mit dem Verkauf von Schnittblumen umgesetzt. Doch immer weniger Menschen gehen dazu zum Floristen ihres Vertrauens: Gerade einmal 44 Prozent aller Blumen werden noch im Gartenfachhandel verkauft. Stattdessen greifen Verbraucher häufiger zu fertigen Gebinden, im Vorkassenbereich des Supermarkts, im Plastiktopf beim Discounter oder an der Tankstelle. Hinrich Schor bekommt das in den vergangenen Jahren wirtschaftlich zu spüren. „Uns geht es nicht schlecht“, betont der Floristmeister. „Aber natürlich würde es uns besser gehen, wenn es die billige Konkurrenz nicht gäbe.“

Noch bis in die 80er-Jahre waren Blumensträuße fast ausnahmslos beim Floristen erhältlich, sagt Jan König. „Mittlerweile hat sich das wesentlich gewandelt“, so der Geschäftsführer des Handelsverbands Nordwest. Blumen stünden als Präsent mittlerweile in starker Konkurrenz zu anderen Produkten. „Blumen sind inzwischen eine sehr konservative Geschenkidee“, sagt König. „Als schnelles Präsent stehen sie beispielsweise im Wettbewerb mit Pralinen.“ Discounter und Supermärkte würden von dem Mitnahmeeffekt profitieren, wenn sie fertige Sträuße anböten – während im Fachhandel die Blumen zunächst sorgfältig auf Wunsch zusammengestellt und dann frisch zu Sträußen gebunden würden. „Das kostet Zeit, die sich mancher nicht mehr nehmen will.“

Gerade jetzt im Weihnachtsgeschäft zeigt sich das wieder deutlich – nicht nur bei den Schnittblumen: Weihnachtssterne und Adventsgestecke, früher Bestseller bei Floristen in der Winter-Saison, finden reißenden Absatz in Bau- und Supermärkten. „Wir haben in dem Bereich deutliche Umsatzeinbußen zu verzeichnen“, sagt Harald Herzog von Blumen Herzog am Arsterdamm in Kattenturm. „Discounter bieten die Ware teils unter dem Großhandelspreis an – da können wir nicht mitziehen.“ Als Beispiel nennt er einen klassischen kleinen Adventskranz: Allein das gebundene Grün koste im Einkauf etwa vier Euro. Hinzu kommen die Ausgaben für Deko und Kerzen. „Da kann ich den Kranz nicht wie die Discounter für 6,99 Euro anbieten.“ Häufig seien die Preise so günstig, weil die Kränze bereits Monate im Voraus im europäischen Osten von angelernten Kräften gebunden und dann eingefroren würden, berichten verschiedene Branchenkenner.

"Vor allem, wenn es um den Eigenbedarf geht, sparen die Bremer"

„Wir leiden schon unter diesem starken Wettbewerb“, gibt Herzog zu, der das Traditionsgeschäft im vergangenen Jahr von seinen Eltern übernommen hat. Etwa 15 bis 20 Prozent Umsatzrückgang mache die Abwanderung der Kunden zu günstigeren Alternativen aus. „Vor allem, wenn es um den Eigenbedarf geht, sparen die Bremer. Bei Geschenken oder zu Anlässen darf es dann auch mal mehr kosten.“

Zu der Konkurrenz aus Super- und Baumärkten kommt jetzt eine weitere Gruppe hinzu: die Online-Händler. Immer mehr Plattformen spezialisieren sich auf den Versand von Schnittblumen, Miflora.de und Floraprima.de zum Beispiel. Sie decken zwar aktuell nur knapp zwei Prozent des Marktes ab. „Aber das Potenzial ist vorhanden, dass die Branche auf das Fünffache anwächst“, sagt König. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch das IFH Köln, das bis zu zehn Prozent Wachstum prognostiziert.

Die neuen Entwicklungen und der steigende Preisdruck tragen auch dazu bei, dass immer mehr Floristen ihre Selbstständigkeit aufgeben: So gab es 2008 laut Statistischem Bundesamt noch 16 500 inhabergeführte Blumenläden – 2014 waren es nur noch 14 000. Auch in Bremen haben allein dieses Jahr bereits ein halbes Dutzend Geschäfte geschlossen. Genaue Zahlen kann aber auch der Fachverband Deutscher Floristen derzeit nicht nennen: Ihre Vertretung in Bremen ist nach eigenen Aussagen mangels Nachfolge derzeit unbesetzt.

Rüdiger Schulze vom Blumenhaus Marotzke in Horn-Lehe teilt die Sorgen seiner Mitbewerber – ist für die Zukunft aber trotzdem optimistisch. „Der Fachhandel muss sich wieder auf seine Stärken besinnen“, sagt er. Und die seien eben Service, Auswahl, Frische und Qualität. „Wenn ich mir einen Blumenstrauß im Internet bestelle, weiß ich nicht, wie frisch er ist, und wie er aussieht, wenn er bei mir ankommt.“ Deswegen sehe er etwa den Online-Handel noch nicht als bedrohliche Konkurrenz.

"Man macht sich immer Sorgen wegen des Wettbewerbs"

„Man macht sich immer Sorgen wegen des Wettbewerbs“, sagt Hinrich Schor. Aber durch das Schaufenster seines Ladens hat er schon Mitbewerber direkt vor seiner Ladentür gesehen, wie sie erst aufblühten und dann eingingen. „Die Fachgeschäfte mit ausgebildeten Floristen werden so schnell nicht verdrängt“, gibt er sich kämpferisch. Schließlich wollen die Kunden ja nicht nur Blumen kaufen. Sie wollen sie sehen, fühlen, riechen. So wie er.

Artikel im Magazin "Dein Bahnhof" Frühjahr 2014

 

Artikel in der Zeitschrift "florieren!" August 2012

 

Weser Kurier 19.Dezember 2010

Bildzeitung Ausbildungsstellenvermittlung Juni 2009

 

 

 

 

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